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Positionen des LIGA Fachausschusses Hilfen zur Erziehung und Kinderschutz zur Wahl des Abgeordnetenhauses 2026

Berlin, 27.04.2026

Kinder- und Jugendhilfe/Hilfen zur Erziehung in Berlin zukunftssicher gestalten

Herausforderungen meistern – Qualität sichern – Rechtsansprüche wahren

1. Ausgangslage und Problemanalyse

Die Kinder- und Jugendhilfe und insbesondere die Hilfen zur Erziehung in Berlin stehen unter massivem Druck. Steigende Bedarfe, überlastete Jugendämter mit einer Vakanzquote von ca. 20 %, ein anhaltender Fachkräftemangel und wirtschaftlich unsichere Rahmenbedingungen für freie Träger gefährden die rechtzeitige und bedarfsgerechte Gewährung von Hilfen. In dieser wachsenden Stadt Berlin sind Hilfen zur Erziehung (HzE), Kinderschutz und Prävention keine nachrangigen Leistungen, sondern Kern öffentlicher Verantwortung. Das SGB VIII verpflichtet die öffentliche Jugendhilfe, junge Menschen in ihrer Entwicklung zu fördern und Eltern zu unterstützen. Diese Rechtsansprüche dürfen nicht durch pauschale Sparvorgaben, Budgetdeckel oder fachfremde Steuerungslogiken eingeschränkt werden. Ein strukturelles Misstrauen gegenüber freien Trägern schwächt zudem genau jene Strukturen, auf die das System angewiesen ist. Freie Träger sind keine Bittsteller, sondern zentrale Partner. Berlin braucht keine Politik des Mangels, sondern eine Politik der Sicherung: Rechtsansprüche müssen eingelöst, Qualität erhalten und freie Träger als tragende Säule verlässlich abgesichert werden.

2. Leitbild: Qualität als Wirtschaftlichkeitsfaktor

Wer in der Kinder- und Jugendhilfe/Hilfen zur Erziehung kurzfristig kürzt, produziert langfristig höhere Kosten. Wenn Hilfemaßnahmen für Familien zu spät beginnen oder fachliche Standards unterschreiten, verschärfen sich familiäre Krisen, wodurch kostenintensivere Maßnahmen im Kinderschutz, Gesundheitswesen oder der Wohnungslosenhilfe unvermeidbar werden. Qualität ist die Voraussetzung für wirtschaftliches Handeln. Investitionen in Prävention, stabile Beziehungen und eine angemessene Personalausstattung sind haushaltspolitisch vernünftig.

Die Liga AG Hilfen zur Erziehung und Kinderschutz stellt klar:

  • Kein Haushaltsvorbehalt: Individuelle Rechtsansprüche im SGB VIII sind unabhängig von der Kassenlage zu erfüllen; eine Rationierung ist rechtlich unzulässig.
  • Prävention vor Intervention: Frühe Hilfen wirken nachhaltiger – finanziell wie menschlich.
  • Verantwortungsgemeinschaft: Freie Träger leisten die direkte Arbeit, können aber strukturelle Defizite in der öffentlichen Verwaltung (RSD) nicht dauerhaft kompensieren.
3. Fachpolitische Forderungen
I. Verlässliche Finanzierung und Bedarfsplanung
Wir fordern den Senat und das Abgeordnetenhaus auf, in der nächsten Legislaturperiode Leistungen bedarfsgerecht und rechtskonform zu finanzieren:
  • Rechtssichere Budgets: Schutz vor pauschalen „Rasenmäherkürzungen“ oder politischen Deckelungen. Die Finanzierung muss dem tatsächlichen Bedarf folgen (§ 80 SGB VIII).
  • Stärkung der Prävention: Verbindliche Absicherung sozialräumlicher Angebote, Familienzentren und Kinderschutzdienste. Prävention darf nicht gegen individuelle Hilfen ausgespielt werden (vollumfängliche Umsetzung des Familienfördergesetzes und des Jugendfördergesetztes)
  • Inklusion voll finanzieren: Die inklusive Weiterentwicklung der Jugendhilfe muss durch Bund und Land finanziell abgesichert werden; eine „kostenneutrale“ Umsetzung ist unrealistisch.
II. Fachkräftesicherung und Arbeitsbedingungen
Ohne qualifiziertes Personal bricht der Kinderschutz zusammen. Wir fordern eine Offensive:
  • Ausbildung reformieren: Ausbau praxisintegrierter, vergüteter Studienmodelle und Verankerung der Erziehungshilfe als Pflichtbestandteil der Erzieherausbildung.
  • Arbeitsbelastung senken: Einführung verbindlicher Fallobergrenzen und Personalschlüssel im Regionalen Sozialen Dienst (RSD) sowie bei freien Trägern.
  • Attraktivität steigern: Verbindliche Tarifbindung, bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf sowie eine gezielte Zuwanderungsstrategie für Fachkräfte.

III. Infrastruktur und Kinderschutz
Kinderschutz braucht Zeit, Fachlichkeit und stabile Strukturen statt Steuerung per Sparvorgabe:
  • Stärkung des RSD: Sicherstellung von Supervision, Fortbildung, Qualitätsmanagement und Zeit für Netzwerkarbeit, um Fehlentscheidungen durch Überlastung vorzubeugen.
  • Berlinweite Standards: Verbindliche Qualitätsstandards und Reaktionssicherheit im Kinderschutz sowie stabile Kooperationen zwischen Jugendämtern, Gesundheitswesen, Schulen und Justiz und Freien Trägern.
  • Lückenlose Übergänge (Care Leaving): Sicherstellung von Wohnraum für junge Menschen (Careleaver) im Rahmen des Verselbständigungsprozesses während und im Anschluss an die Jugendhilfe. Damit einhergehend: Sicherung einer nahtlosen Begleitung über das 18. Lebensjahr hinaus, um den Weg in die Obdachlosigkeit zu verhindern.
  • Niedrigschwellige Angebote: Flächendeckender Ausbau von Familienzentren und Kinderschutzdiensten in allen Sozialräumen.
5. Fazit: Handlungsfähigkeit jetzt sichern
Die Kinder- und Jugendhilfe/Hilfen zur Erziehung in Berlin sind kein verzichtbarer Kostenfaktor, sondern das Fundament für den sozialen Zusammenhalt und die Zukunftschancen der nächsten Generation. Ein System, das chronisch unterfinanziert ist und unter strukturellem Misstrauen sowie massivem Fachkräftemangel leidet, kann seinen Schutzauftrag gegenüber Kindern und Familien nicht dauerhaft erfüllen.
Es bedarf einer Kehrtwende in der Fachpolitik mit einer Abkehr von kurzfristigen Sparvorgaben und bürokratischen Hürden, hin zu einer verlässlichen Investitionsstrategie. Nur durch die konsequente Stärkung der Prävention, die rechtssichere Finanzierung der freien Träger und eine echte Fachkraftoffensive lässt sich die Qualität in den Hilfen zur Erziehung und im Kinderschutz sichern.

Berlin muss sich entscheiden: Entweder wir investieren heute in passgenaue Hilfen und starke Strukturen, oder wir tragen morgen die weitaus höheren gesellschaftlichen und finanziellen Folgekosten einer gescheiterten sozialen Infrastruktur.

Ansprechpersonen:

Igor Wolansky, Vorsitzender des LIGA Fachausschuss „HzE und Kinderschutz“
Referent für Jugendhilfe / Hilfen zur Erziehung
AWO Landesverband Berlin e. V.
Hallesches Ufer 30 A, 10963 Berlin
Tel.: 030/ 25 389-224
Mail: [E-Mail anzeigen]

Anna Lundelius
Referent für Jugendhilfe
AWO Landesverband Berlin e. V.
Hallesches Ufer 30 A, 10963 Berlin
Tel.: 030/ 25 389-224
Mail: [E-Mail anzeigen]

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Positionen des LIGA Fachausschusses Hilfen zur Erziehung und Kinderschutz zur AGH-Wahl 2026

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